SEPTEMBER 20, 2023

Stillen: Umgang mit Stillproblemen & warum Stillen so wichtig ist

by Paula Gottschalk

Inhaltsverzeichnis

    Stillen: Umgang mit Stillproblemen & warum Stillen so wichtig ist

    Rund 90 Prozent der Mütter* in Deutschland beginnen, nach der Geburt zu stillen. Damit ist sichergestellt, dass das Neugeborene in seinen ersten Lebensmonaten alle wichtigen Nährstoffe sowie körperliche Nähe und damit Unterstützung bei der Entwicklung seines Immunsystems bekommt. Doch Stillen funktioniert bei vielen nicht auf Anhieb und ist außerdem sehr zeitintensiv, sodass Mütter* dabei Raum und Unterstützung benötigen. Welche Probleme auftreten können, was es zu beachten gibt und welche Vorteile Stillen auch für Mütter* hat, liest du in diesem Beitrag.

    Warum Stillen so wichtig ist

    Stillen ist sowohl auf gesundheitlicher als auch auf emotionaler Ebene von großer Bedeutung - und zwar nicht nur für das Kind, sondern auch für seine Mutter*.

    Muttermilch - der ideale Nährstoffmix
    Muttermilch ist ein echtes Wunder der Natur und mehr als bloß ein Sattmacher. Denn: Sie enthält alles, was das Baby zum Wachsen braucht und ist (im Idealfall) zu jeder Zeit und an jedem Ort verfügbar. Muttermilch versorgt das Neugeborene mit allen wichtigen Nährstoffen wie Eiweiße, Fette, Kohlenhydrate, Mineralstoffe, Spurenelemente und Vitamine. Außerdem enthält sie besondere Abwehr- und Schutzstoffe, die das Kind vor Krankheiten schützt und ist leicht verdaulich. Zudem hat sie stets die richtige Temperatur und ist hygienisch einwandfrei. Außerdem ist Muttermilch anpassungsfähig: Die Zusammensetzung der Muttermilch und auch ihr Geschmack verändern sich in der gesamten Stillzeit. Sie enthält immer genau das, was das Baby in seiner derzeitigen Entwicklungsphase benötigt. Dabei spielen auch Faktoren wie Lebensumstände und Ernährung der Mutter* eine Rolle.

    Stillen verbindet
    Besonders in den ersten Monaten benötigen Neugeborene viel und engen Körperkontakt. Durch die Nähe und Wärme beim Stillen entsteht ein Gefühl von Geborgenheit und Vertrautheit. Stillen ermöglicht das gegenseitige Kennenlernen sowie das Entstehen einer emotionalen Bindung zwischen Mutter* und Kind. Außerdem sorgen stimmungsaufhellende Hormone für Entspannung und Glücksgefühle.

    Für die Mutter*
    Auch für die Mutter* hat Stillen wichtige Vorteile: Es beschleunigt z.B. die Rückbildung der Gebärmutter, sodass es während des Stillens im Unterleib ziehen kann - ein Anzeichen der Rückbildung. Auch Wassereinlagerungen gehen zurück und zudem soll Stillen das Risiko für Brust- und Eierstockkrebs mindern.

    Der Beginn des Stillens: Milcheinschuss & Veränderungen der Muttermilch

    Während der Schwangerschaft haben sich die Brüste verändert, um gleich nach der Geburt die Milchbildung zu starten. Nachdem auch die Plazenta mit der Nachgeburt den Körper verlassen hat, fällt der Progesteronspiegel natürlicherweise ab. Dadurch werden die Milchbildungszellen aktiviert. Durch das Saugen des Babys wird den Zellen signalisiert, dass es mit der Milchproduktion losgehen kann.

    Die sogenannte Vormilch (Kolostrum) fließt in den ersten Tagen nach der Geburt. Sie ist cremig und stark gelblich, sodass sie der Milch, wie wir sie kennen, zunächst noch nicht ähnelt. Doch sie enthält jede Menge Eiweiß, Vitamine und Abwehrkörper, was für die Zeit unmittelbar nach der Geburt besonders wichtig für das Kind ist. So wird es vor Infektionen und Krankheiten geschützt, obwohl das eigene Immunsystem noch nicht ausgereift ist. Auch wird der Darm des Babys angeregt und der erste Stuhlgang hat meistens eine schwarze Farbe, weswegen er oft “Kindspech” genannt wird.

    Schon circa ab dem vierten Tag nach der Geburt verändert sich die Milch: Die Brust produziert eine wesentlich größere Menge, was sich unangenehm anfühlen kann - der Milcheinschuss. Jetzt ist die Milch eher cremig-weißlich und es handelt sich um die Übergangsmilch. Denn gegen Ende der zweiten Lebenswoche verändert sich die Zusammensetzung und das Aussehen der Muttermilch erneut. Ab jetzt wird die sogenannte reife Muttermilch gebildet. Hormone sorgen dafür, dass Milch fließt. Durch das Saugen des Kindes, schüttet der Körper Prolaktin und Oxytocin aus. Diese Hormone regulieren den Milchfluss sowie den Milchspendereflex.

    So klappt das Stillen

    Mutter* und Kind benötigen meist etwas Zeit und Geduld, bis sich das neue Miteinander eingespielt hat. Besonders in der Anfangsphase des Stillens braucht es manchmal wenige Minuten, bis der Milchspendereflex einsetzt. Dieser macht sich durch ein leichtes Prickeln und Ziehen in der Brust bemerkbar. Das Ziehen kann sogar manchmal vom Schreien des Babys ausgelöst werden. Auch das Baby muss lernen, dass es anstrengend ist, die Milch anzusaugen.

    Körperkontakt
    Es besteht der Mythos, dass Mütter* nur stillen können, wenn sie damit direkt nach der Geburt anfangen. In der ersten Stunde nach der Geburt ist es zwar am einfachsten, mit dem Stillen zu beginnen, weil die natürlichen Reflexe des Babys dann am stärksten sind. Umso früher es klappt, desto besser. Doch auch, wenn es nicht unmittelbar nach der Geburt funktioniert, besteht noch die Chance dazu. Für Hilfe beim Stillen nach der Geburt stehen Hebammen oder eine Stillberatung zur Verfügung. Außerdem hilft der häufige Haut-zu-Haut-Kontakt sowie das wiederholte Anlegen des Babys an die Brust.

    Ein ruhiges Umfeld schaffen: Entspannung & Reizreduzierung
    Wichtig ist hierbei Entspannung: Setz dich nicht unter Druck und gib möglich viele Aufgaben an deinen Partner / deine Partnerin oder andere dir nah stehende Bezugspersonen ab. Je entspannter du bist, desto höher sind die Chancen, dass die Milchbildung klappt. Auch dein Kind merkt, wenn du nervös bist. Schafft euch ein ruhiges Umfeld und einen Rückzugsort. Wenn zu viele Besuche von Familienmitgliedern und Freund*innen anstehen, müssen diese sich womöglich noch etwas gedulden. Denn an erster Stelle steht jetzt die Beziehung zwischen dir und deinem Neugeborenen. Zu viel Trubel und zu viele Reize sind auch anstrengend und überfordernd für das Baby.

    Stillpositionen
    Die richtige Stillposition kann ein erfolgreiches Stillen fördern. Meistens findet das Neugeborene beim Anlegen die Brust von ganz alleine. Kommt es beim Stillen zu Schmerzen und etwas tut weh, kann das Kind von der Brustwarze gelöst werden, indem du den kleinen Finger in seinen Mundwinkel schiebst, sodass es den Mund öffnet.

    Für die erste Zeit nach der Geburt eignet sich besonders die zurückgelehnte Stillhaltung. Dabei liegen Baby und Mutter* Bauch an Bauch. Eine weitere Möglichkeit ist die Wiegehaltung, bei der das Kind auf den ineinander verschränkten Unterarmen der Mutter* liegt. Stillen in Rückenhaltung oder Stillen im Liegen ist ebenfalls möglich.

    In jedem Fall sollte darauf geachtet werden, dass das Kind seinen Kopf frei bewegen kann, damit es genug Luft an der Brust bekommt.

    An der zweiten Brust anlegen
    Wenn das Baby von alleine aufhört an der einen Brust zu trinken, biete ihm die andere Brust an. Es gibt Kinder, die pro Mahlzeit nur an einer Brust trinken, während andere zwischen den Brüsten wechseln.

    Stilldauer: Wie oft und wie lange?

    Für Babys im Alter zwischen einem und sechs Monaten gilt beim Stillen ein breites Spektrum als “normal”: Einige Babys benötigen die Brust nur vier Mal in 24 Stunden und andere möchten 13 Mal am Tag gestillt werden. Im Durchschnitt werden Neugeborene 8-12 Mal in 24 Stunden oder sogar häufiger gestillt. Viele Babys trinken in kürzeren Abständen, was die Milchbildung anregt und auch für die Mutter* meist angenehmer ist, als lange Trinkperioden mit langen Zwischenpausen. Dadurch spannt die Brust nicht so leicht und das Baby macht keine Unruhe- und Hungerphasen durch.

    Damit der Abstand zwischen den Stillmahlzeiten nicht zu lang wird, sollten in der ersten Lebenswoche nicht mehr als vier Stunden zwischen den Stillmahlzeiten liegen.

    Nach circa sechs Wochen bekommen Säuglinge einen Wachstumsschub, der folglich auch mit einem vermehrten Hunger einhergeht. Die Milchbildung wird durch häufiges Anlegen mehr angeregt, sodass sie sich dem wachsenden Hunger anpassen kann.

    Die Stilldauer ist verschieden und auch hier gelten viele Zeitspannen als “normal”: Eine Stilldauer von 10 - 45 Minuten ist normal und pro Stillmahlzeit können bis zu sechs Milchspende-Reflexe erfolgen.

    Woher weiß ich, dass mein Baby satt ist?

    Beim Stillen sollte auf Anzeichen der Sättigung geachtet werden: Wenn das Baby die Brustwarze freigibt, ist es wahrscheinlich auch satt. Auch die Hände des Kindes können Auskunft über ihr Sättigungsgefühl geben: Bei vielen Säuglingen sind die Hände zu Fäustchen geballt, wenn sie Hunger haben. Sind sie satt, öffnen sich die Hände wieder und ab einem gewissen Alter wird der Blickkontakt zu ihrem Gegenüber gesucht. Auch verstärktes Nuckeln an der Brust, Beendigung des hörbaren Schluckens oder längere Pausen zwischen Saugen und Ziehen zeigen, dass das Baby satt ist. Wie im Abschnitt zu den Stillpositionen beschrieben, löst du dein Kind am besten von der Brust, indem du deinen kleinen Finger in seinen Mundwinkel schiebst.

    Auch wenn Babys beim Stillen weniger Luft schlucken als bei einer Flaschenmahlzeit, kann ein Bäuerchen manchmal befreiend sein. Damit es gut aufstoßen kann, legst du es am besten nach dem Stillen so über deine Schulter, dass Brust und Bauch des Babys aufliegen. Kleine Milchrülpser fängst du am besten mit einem Spucktuch (Mullwindel) auf. Es gibt jedoch auch Kinder, die selten bis nie aufstoßen.

    Unterwegs Stillen

    Für Stillen unterwegs empfehlen wir, gleich bei dem ersten Anzeichen für den nächsten Hunger einen Ort aufzusuchen, wo du dich wohlfühlst: ein Café, eine Parkbank, ein Museum. Idealerweise hat sich schon ein Still-Rhythmus eingependelt, sodass du im Vorfeld abschätzen kannst, wann dein Baby Hunger bekommen wird und du dein Unterwegs sein entsprechend ausrichten kannst. Insbesondere für’s unterwegs Stillen eignen sich Still-BH’s, um die Brust zum Stillen schnell und unkompliziert frei machen zu können. Auch Stillkleider sind eine große Erleichterung.

    Nachts Stillen

    Babys kennen in ihren ersten Lebensmonaten keinen geregelten Tag-Nacht-Rhythmus. Dies bedeutet auch, dass sie meistens mehrmals nachts gestillt werden wollen. Das nächtliche Stillen hilft, um den Kreislauf der Milchbildung nicht zu unterbrechen und spannende Brüste zu vermeiden. Es empfiehlt sich, das Babybett im Schlafzimmer stehen zu haben und das Baby so in Reichweite. Auch die Partner*innen können die Mütter* unterstützen: Sie können den “Baby-Bring-Dienst” und das “Bäuerchen machen” übernehmen. Für ein entspanntes Stillen in der Nacht eignen sich Stillnachthemden. Ab wann Babys ohne Nachtmahlzeit durchschlafen, ist ganz unterschiedlich.

    Wunde Brustwarzen & Milchstau

    Rund 30 Prozent aller Mamas* leiden unter wunden Brustwarzen. Die Brustwarzen müssen sich erst einmal an die neue Beanspruchung gewöhnen. Daher sind wunde und geschwollene Brustwarzen (leider) ganz normal. Das kräftige Saugen des Babys kann daher oft unangenehm und etwas schmerzhaft sein. Dennoch sollten Stillende versuchen, das Baby trotzdem an die Brust zu lassen. Irgendwann wird es einen ruhigen und angenehmen Saugrhythmus finden und häufig bessern sich die Brustwarzen nach ein paar Tagen.

    • Es empfiehlt sich, die Stillposition zu ändern, denn diese kann auch ein Grund für die Unannehmlichkeiten sein.
    • Es kann auch helfen, die wunden Brustwarzen mit etwas Muttermilch einzureiben, da diese eine antibakterielle Wirkung hat.
    • Wenn deine Brustwarzen sehr trocken erscheinen, creme sie mit speziellen, feuchtigkeitsspendenden Cremes und Salben aus der Apotheke ein.
    • Auch ein Brustwarzenschutz, der in den Stillpausen in den BH gelegt wird, hilft, indem er verhindert, dass die Kleidung an den wunden Brustwarzen reibt.
    • Im Notfall können auch Stillhütchen helfen: Stillhütchen haben eine Brustwarzenform und werden über die Brustwarzen gelegt, sodass sie bei dem Baby den Saugreflex auslösen. So benötigt das Baby weniger Kraft, um die Milch anzusaugen, was die Schmerzen deutlich reduziert. Es findet auch kein direkter Hautkontakt zwischen Babymund und Brustwarze statt, was den Wundheilungsprozess begünstigt.

    Ein Milchstau entsteht, wenn einzelne Brustbereiche vom Kind nicht richtig leer getrunken werden. Da trotzdem weiterhin Muttermilch produziert wird, kann diese schließlich nicht mehr richtig abfließen. Die Brustdrüsen werden dann hart und sehr schmerzempfindlich. Grund dafür kann auch ein zu eng sitzender oder zu kleiner BH sein, eine ungünstige Stillhaltung, ein veränderter Trinkrhythmus oder ein Ungleichgewicht zwischen Angebot (der Muttermilch) und Nachfrage (des Babys), welches sich erstmal einpendeln muss.

    Allerdings ist ein Milchstau sehr gut behandelbar und kein Grund zum Abstillen.

    Wichtig ist, dass die stillende Mutter* trotz des Milchstaus weiter stillt, denn manchmal kann sich der Milchstau von alleine wieder lösen, wenn das Baby möglichst häufig angelegt wird. Auch warme Umschläge oder Kirschkernkissen können durch die Wärme den Milchfluss erleichtern. Nach dem Stillen hingegen hilft Kühlung, damit die Milchbildung kurzzeitig gehemmt wird und die Brust sich erholen kann, z.B. mit einem eingewickelten Kühlkissen oder Quarkwickel. Auch ein sanftes Ausstreichen der betroffenen Brustregion in Richtung Brustwarze unter einer warmen Dusche empfiehlt sich. Anschließend sollte die Brust wieder gekühlt werden. Außerdem sollte auch ein passender Still-BH getragen werden, der die Brust nicht einengt und ihr einen sicheren Halt gibt sowie unkomplizierten und schnellen Stillzugang ermöglicht. Die Gesundheit des Babys ist durch den Milchstau nicht gefährdet. Doch in jedem Fall sollte eine Hebamme oder eine Ärztin / ein Arzt informiert werden. Denn unbehandelt kann ein Milchstau zu einer Brustentzündung (Mastitis) führen.

    Abstillen und die erste Breikost

    Wann Frauen* mit dem Abstillen beginnen, ist ganz individuell. Die meisten Mütter* stillen ihre Babys allmählich ab. Oft beginnen sie nach dem 5. Monat mit der ersten Breikost, mit der eine Milchmahlzeit ersetzt wird. Parallel wird noch nach Bedarf gestillt, bis nach und nach immer mehr Stilleinheiten wegfallen und durch feste Nahrung ersetzt werden. Mutter* und Kind bestimmen dabei das Tempo, sodass es bis zum vollständigen Abstillen ganz verschieden lange dauern kann. Bei Unsicherheiten wann ein geeigneter Zeitpunkt zum Abstillen ist, sprichst du am besten mit deiner Hebamme.

    Stillprobleme: Was tun, wenn das Stillen nicht klappt?

    Stress und Aufregung blockieren den Milchspendereflex. Daher solltest du dir und deinem Baby viel Ruhe gönnen und den ein oder anderen Wochenbett-Besuch von Familie und Freund*innen lieber absagen. Wenn mit deinem Baby aus bestimmten Gründen nicht direkt nach der Geburt das Stillen gelingt, sorge für viel Hautkontakt und lege dein Kind immer wieder an die Brust.

    Häufige Auslöser für Stillprobleme sind ein falsches Anlegen des Kindes sowie das falsche Lösen von der Brust. Auch können anatomische Besonderheiten beim Kind das Stillen erschweren. Ein verstopfter Milchgang durch dünne Haut oder Fettablagerung kann ebenfalls Probleme verursachen, genauso wie ein schlecht oder zu eng sitzender Still-BH. Stress, Schlafmangel und psychische Probleme sind auch eine häufige Ursache für Stillprobleme.

    Bei Stillproblemen sollte früh damit begonnen werden, Milch abzupumpen, um den Milcheinschuss zu fördern.

    In jedem Fall ist es immer ein guter Weg, mit einer Hebamme zu sprechen oder mit einer erfahrenen Stillberatung. Stillkrisen sind normal und können auch erst nach einigen Wochen auftreten.

    Bei geringer Gewichtszunahme, Trinkschwäche oder Gelbsucht sollte unbedingt mit einem Arzt / einer Ärztin gesprochen werden.